Fachtag beschäftigte sich mit Altersarmut und Einsamkeit

14 Apr 2018

Düsseldorf - Beim Fachtag "Armut und Einsamkeit im Alter - Was brauchen wir in Düsseldorf?" diskutierten rund 270 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden, Seniorenrat, Initiativen und Organisationen am Freitag, 13. April, über neue, zukunftsfähige Handlungsstrategien. In Düsseldorf leben rund 9.000 Seniorinnen und Senioren an der Armutsgrenze – Tendenz steigend. Zu den finanziellen Einschränkungen kommt die soziale Isolation. Obwohl es in Düsseldorf ein gut funktionierendes Hilfesystem gibt, sollen neue, zukunftsfähige Handlungsstrategien entwickelt werden. Aus diesem Grund fand am Freitag, 13. April, im Plenarsaal des Düsseldorfer Rathauses, ein Fachtag statt, der von Oberbürgermeister Thomas Geisel eröffnet wurde. "Die wachsende Zahl der älteren Düsseldorferinnen und Düsseldorfer bringt auch Herausforderungen mit sich, denen wir mit neuen Ideen begegnen wollen. Der Fachtag soll dafür eine Reihe von Ansätzen liefern. Mein Dank gilt allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihr Engagement", erklärte der Oberbürgermeister.

Rund 270 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Politik, Verwaltung, Wohlfahrtsverbänden, Seniorenrat, Integrationsrat, Gesundheitswesen, Kirchen, Wohnungswirtschaft, Sozialverbänden, Gewerkschaften, Initiativen und Organisationen und aus dem Beirat zur Förderung der Belange von Menschen mit Behinderung sowie dem Jobcenter diskutierten dabei über neue Strategien. Auch von Armut Betroffene kamen zu Wort. Mit Professor Dr. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz wurde für die Fachtagung ein kundiger Sozialwissenschaftler und Armutsforscher gewonnen. Der Seniorenrat hat als Interessenvertretung der älteren Generation die Durchführung des Fachtages angeregt. Der Fachtag wurde vom Amt für Soziales in Kooperation mit der liga wohlfahrt düsseldorf, dem Seniorenrat, dem Gesundheitsamt und dem Amt für Wohnungswesen der Landeshauptstadt Düsseldorf organisiert.

"Düsseldorf hat eine breite Palette von Angeboten und Leistungen für die ältere Bevölkerung vorzuweisen, die wir in einem gemeinsamen Prozess mit Politik, Verwaltung und den Wohlfahrtsverbänden armuts- und zukunftsfest weiterentwickeln wollen. Dabei sind die Sicherung von Teilhabechancen und die Linderung und Bewältigung der Folgen von Altersarmut und Einsamkeit im Alter wichtige Ziele", erklärte Stadtdirektor und Sozialdezernent Burkhard Hintzsche.

In vier Workshops zu den Themen "Einsamkeit", "Teilhabe und Vergünstigungen", "Verschämte Armut" und "Wohnen" beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den verschiedenen Problemlagen älterer Menschen in Düsseldorf.
Im Einzelnen gab es unter anderem folgende Vorschläge:

Thema Einsamkeit: Es sollten mehr wohnortnahe Teilhabemöglichkeiten geschaffen und die zugehenden Hilfen (beispielsweise durch Streetworker für Seniorinnen und Senioren) ausgebaut werden. Es wird angeregt, eine Seniorenhotline mit einer einprägsammen Nummer (analog 115) einzurichten. Durch gezielte Kampagnen sollten auch andere Dienstleister (Ärztekammer, Apothekenkammer) für das Thema sensibilisiert werden.

Thema Teilhabe und Vergünstigungen: Die vorhandenen Angebote sollten in einer Publikation zusammengefasst und bekannt gemacht werden. Firmen, die bereits heute Vergünstigungen gewähren, (Familienkarte, Ehrenamtskarte) sollten auf das zusätzliche Klientel "Düsselpass" angesprochen werden. Die Beratungskultur sollte verbessert werden durch persönliche Ansprache und vermehrte Hausbesuche. Schlüsselpersonen sollten als Multiplikatoren identifiziert werden. Und schließlich wurde die Forderung erhoben, das Sozialticket günstiger zu machen - es sollte nicht teurer sein, als der Mobilitätsanteil im Regelsatz der Sozialhilfe.

Thema Verschämte Armut: Durch einen offenen Diskurs oder Kampagnen sollte das Thema enttabuisiert werden. Die Kommunikation mit den Behörden sollte vereinfacht werden, indem verstärkt "Einfache Sprache" verwendet wird. Denn Formulare bilden heute oft eine große Hürde, gerade für ältere Menschen. Zielgruppenspezifische Informationen sollten verbessert und Multiplikatoren entsprechend geschult werden.

Thema Wohnen: Wohnungstausch sollte erleichtert werden, das Umzugsmanagement müsste dazu ausgebaut werden. Um mehr bezahlbaren Wohnraum zu bekommen/zu erhalten ist Wohnraum besser zu schützen (Zweckentfremdung, Mietpreisbindung). Es muss diesbezüglich mehr Anreize beziehungsweise Verpflichtungen für Investoren geben. Um Wohnprojekte (auch im Bestand) zu erleichtern ist die Begleitung und Beratung dafür auszubauen. Es müssen mehr barrierefreie und rollstuhlgerechte Wohnungen geschaffen werden.

Der Leiter des Amtes für Soziales, Roland Buschhausen, sagte zum Abschluss. "Der Fachtag hat uns noch einmal bewusst gemacht, dass zwar die Bundespolitik vieles regeln kann, aber wir vor Ort unseren Teil beitragen und unsere Chancen gemeinsam mit allen Akteuren nutzen müssen. Die Ergebnisse des Fachtages sind dafür ein guter Ansatz."

Hintergrund: Das Düsseldorfer Hilfesystem

Im Rahmen der offenen Seniorenarbeit werden in Düsseldorf 31 "zentren plus" im gesamten Stadtgebiet vorgehalten und von den örtlichen Wohlfahrtsverbänden betrieben. Sie werden mit rund vier Millionen Euro aus dem städtischen Etat gefördert. Seit ihrer Gründung vor rund zehn Jahren haben sich die "zentren plus" zu einer wichtigen Instanz der offenen Seniorenarbeit entwickelt. Ihr Aufgabenspektrum ist multifunktional ausgerichtet. So bieten sie den älteren Menschen in ihrem gewohnten Umfeld ein breites Spektrum an Unterstützungs-, Beratungs-, Kommunikations- und Freizeitangeboten. Weiterhin bieten sie Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 1 sowie Personen ab 65 Jahren ein Fallmanagement und arbeiten eng mit anderen Fachstellen zusammen. Die Stadtbezirkskonferenzen, ein Zusammenschluss der seniorenrelevanten Akteure im Stadtbezirk, werden über die "zentren plus" federführend organisiert und haben zum Ziel, die seniorenspezifischen Bedarfe im Stadtbezirk zu definieren und Angebote zu entwickeln. Altersarmut und -einsamkeit sind ebenfalls Themen. Dabei gilt auch den Bedürfnissen von Migrantinnen und Migranten besondere Aufmerksamkeit.

Bei der Seniorenhilfe handelt es sich um ein städtisches Betreuungsangebot, das sich an Menschen ab 65 Jahren und Pflegebedürftige ab Pflegegrad 1 sowie deren Angehörige richtet. Im Rahmen eines aufsuchenden Dienstes wird das Ziel verfolgt, den Verbleib der älteren Menschen in der eigenen Wohnung zu ermöglichen und den Umzug in ein Senioren- oder Pflegeheim möglichst zu vermeiden.

Die Arbeit des Demenz-Servicezentrums Region Düsseldorf richtet sich an demenzerkrankte Menschen. Ihre Zahl wird mit etwa 12.000 Personen beziffert. Arbeitsschwerpunkte sind die Vernetzung von Angeboten und Erfahrungen, die Vermittlung von Beratungs- und Hilfeangeboten, die Organisation von Informationsveranstaltungen, Fortbildungen und Fachtagungen, sowie die Initiierung von Projekten für Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen.

Das Pflegebüro ist ein trägerunabhängiges Beratungsangebot. Es informiert und berät Pflegebedürftige, Angehörige von Pflegebedürftigen, ehrenamtliche und professionelle Helferinnen und Helfer, Trägerinnen und Träger sowie Institutionen im Senioren– und Pflegebereich rund um das Thema Pflege. Gemeinsam mit den Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartnern wie Krankenkassen oder Volkshochschule werden die Veranstaltungsreihe "Pflege aktuell" und die Informationsreihe "Älter werden in Düsseldorf" zu senioren- und pflegerelevanten Themen durchgeführt, die unter anderem auch in den "zentren plus" stattfinden.

Die Versorgung der pflegebedürftigen Menschen ist in Düsseldorf durch eine Trägervielfalt und einer breiten Palette von vollstationären, teilstationären und ambulanten Pflegeangeboten, die über das gesamte Stadtgebiet vorgehalten werden, geprägt. Die vollstationären Einrichtungen der Altenpflege bieten an 52 Standorten insgesamt 5.121 Plätze. Die beiden stationären Hospize verfügen über 24 Plätze. 87 Plätze werden in fünf solitären Einrichtungen der Kurzzeitpflege vorgehalten. 13 Tagespflegeeinrichtungen verfügen über 197 Plätze. Für den Bereich der Wohngemeinschaften verzeichnen die Landeshauptstadt aktuell 22 anbieterverantwortete Angebote mit 182 Plätzen und 39 selbstverantwortete Angebote mit 255 Plätzen. Darüber hinaus werden rund 9.880 Personen über die 126 Kranken- und Altenpflegedienste ambulant versorgt.

Vorzeigeprojekt der Stadt Düsseldorf: Düsselpass
Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger mit geringem Einkommen können ab Vollendung des 15. Lebensjahres mit dem Düsselpass zahlreiche attraktive Vergünstigungen und Ermäßigungen in Anspruch nehmen. Diese gibt es bei den städtischen Ämtern und Instituten, den Tochtergesellschaften der Landeshauptstadt Düsseldorf und vielen Partnern aus Kultur, Wirtschaft und Sport. Seit 1997 stellt die Stadt den Düsselpass aus.

Vorzeigeprojekt der Stadt Düsseldorf: i-Punkt Arbeit
Ziel muss auch sein, dass die Menschen selbst für eine auskömmliche Alterssicherung sorgen können - dies gelingt am ehesten, wenn sie ein entsprechendes Arbeitseinkommen und damit Anspruch auf eine entsprechende Altersrente haben. 7.696 Menschen über 55 Jahre erhalten Grundsicherung für Arbeitsuchende (Stand: November 2017). Es ist davon auszugehen, dass diese Menschen die zukünftigen Bezieher von Grundsicherung im Alter sein werden. In den Stadtteilen Eller, Hassels-Nord, Oberbilk, Flingern, Rath, Mörsenbroich, Wersten und Holthausen gibt es ein kostenfreies Beratungsangebot für Arbeitsuchende - die i-Punkte Arbeit. Die Beratungsstellen sind Arbeitsmarktlotsen mit Steuerungsfunktion zwischen Arbeitssuchenden, lokalen Arbeitgebern, Jobcenter, Agentur für Arbeit und anderen lokalen Akteurinnen und Akteuren.

Vorzeigeprojekt der Stadt Düsseldorf: Kulturherbst
Der Kulturherbst bietet jedes Jahr rund 200 Veranstaltungen an. Die oftmals kostenlosen oder sehr günstigen Veranstaltungen sollen der Einsamkeit entgegenzuwirken und älteren Menschen mit wenig Einkommen die Teilnahme an kulturellen Angeboten ermöglichen.

Vorzeigeprojekt der Stadt Düsseldorf: Entwicklung altengerechter Quartiere
Das Wohnumfeld trägt entscheidend zu einer guten Lebensqualität im Alter bei. Die Stadt Düsseldorf hat im Jahr 2016 eine Landesförderung für ein Quartiersentwicklungsprojekt zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt erhalten, das von der Diakonie durchgeführt wird. In diesem Gebiet soll die altengerechte Infrastruktur verbessert werden. Auch die Kontaktaufnahme zu älteren Menschen, die isoliert leben, steht im Fokus des Projektes. Ein weiteres Quartiersentwicklungsprojekt wird in Eller/Lierenfeld umgesetzt. Dort liegt der Fokus auf den dort lebenden Migrantinnen und Migranten. Träger ist die Arbeiterwohlfahrt.

Foto: Stadt Düsseldorf/Ingo Lammert

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